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Sagt Intelligenz deinen Studienerfolg voraus?

Ein hoher IQ klingt nach einem Vorteil fürs Studium. Die Forschung zeigt, wie groß dieser Vorteil ausfällt und was am Ende stärker zählt.


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Wer schon einmal neben jemandem gesessen hat, der Inhalte scheinbar mühelos versteht, kennt das Gefühl: Intelligenz wirkt wie eine Art Startvorteil fürs Lernen. Die Forschung gibt diesem Eindruck teilweise recht, zeichnet aber ein deutlich differenzierteres Bild, als „klug genug oder nicht“ vermuten lässt.

Was mit „Intelligenz“ eigentlich gemeint ist

Ein einzelnes, allgemein akzeptiertes Intelligenzkonzept gibt es nicht. Stattdessen existieren mehrere Modelle nebeneinander, die unterschiedliche Aspekte betonen:

Für den Alltag reicht es, sich zu merken, dass „Intelligenz“ kein einzelner Wert ist. Es handelt sich vielmehr um ein Bündel unterschiedlicher kognitiver Fähigkeiten. Je nachdem, welches Modell man zugrunde legt, sieht der Zusammenhang mit dem Lernerfolg etwas anders aus.

Der Zusammenhang zwischen IQ und Erfolg

Über viele Studien hinweg finden sich statistische Zusammenhänge zwischen Intelligenztest-Ergebnissen und schulischem bzw. akademischem Erfolg. Häufig liegt die sogenannte Korrelation in einer Größenordnung um r ≈ 0,50. Dieser Wert beschreibt die Stärke des Zusammenhangs auf einer Skala von 0 (kein Zusammenhang) bis 1 (perfekter Zusammenhang). Ein Wert von 0,50 gilt in der Psychologie bereits als mittlerer bis starker Effekt. Bei standardisierten Tests fällt er teils höher aus, beim Studienerfolg liegt er eher im mittleren Bereich.

In John Hatties bekannter Synthese aus über 800 Metaanalysen zur Lernforschung wird Intelligenz sogar mit einer sogenannten Effektstärke von d = 1,19 aufgeführt und zählt damit zu den stärksten Einzelfaktoren überhaupt. Während die Korrelation (r) den generellen Gleichschritt von zwei Werten beschreibt, misst die Effektstärke (d) den konkreten Unterschied zwischen Gruppen. Ein Wert von über 1,0 bedeutet hier vereinfacht gesagt, dass sich eine Gruppe mit hoher Intelligenz im Lernerfolg massiv und unübersehbar von einer Gruppe mit durchschnittlicher Intelligenz unterscheidet.

Das klingt zunächst eindeutig. Doch eine der bekanntesten Langzeitstudien der Psychologie relativiert dieses Bild: Die Begleitung hochbegabter Kinder über Jahrzehnte hinweg zeigte, dass Intelligenz und tatsächliche Lebensleistung alles andere als perfekt zusammenhängen. Viele hochbegabte Teilnehmende erreichten sehr unterschiedliche Erfolge, völlig unabhängig von ihrem gemessenen IQ.

Die ehrliche Zusammenfassung lautet also: Ein hoher IQ erhöht die Wahrscheinlichkeit für gute Leistungen, bedeutet aber keinen Automatismus und schon gar keine Garantie. Er ist lediglich eine von mehreren Stellschrauben.

Intelligenz ist kein fester Wert

Eine zweite Annahme, die sich hartnäckig hält, ist die, Intelligenz sei eine angeborene, weitgehend feste Größe. Auch dafür liefert die Forschung ein klares Gegenbild:

Untersuchungen, die den IQ-Zuwachs während des Schuljahrs mit dem während der Ferien vergleichen, finden in mehreren kognitiven Bereichen deutlich stärkeres Wachstum in Phasen mit Schulbesuch. In einer großen Stichprobe von Grundschulkindern hatte zudem die Dauer der bisherigen Beschulung einen größeren Einfluss auf den IQ-Wert als das schlichte Lebensalter.

Eine Metaanalyse über mehr als 600.000 Teilnehmende kommt zu dem Ergebnis, dass jedes zusätzliche Jahr Bildung im Schnitt mit einem Zuwachs von ein bis fünf IQ-Punkten verbunden ist. Dies ist ein Effekt, der über die gesamte Lebensspanne nachweisbar bleibt. Auch gezieltes Training schlussfolgernden Denkens zeigt messbare Wirkung: Eine Auswertung von 74 Studien mit knapp 3.600 Teilnehmenden findet mittlere bis große Effekte sowohl auf Intelligenztests als auch auf schulisches Lernen. Diese Effekte nehmen nach einigen Monaten sogar noch zu.

Intelligenz ist demnach weniger ein Startkapital, das man einmal zugeteilt bekommt, als vielmehr etwas, das sich durch Bildung, Übung und Anregung verändert. Und zwar in beide Richtungen.

Was für den eigenen Lernerfolg stärker zählt

Wenn Intelligenz also nur ein Teil des Bildes ist, was zählt dann mehr? Die pädagogisch-psychologische Forschung gibt darauf eine recht klare Antwort: Vorwissen.

Bereichsspezifisches Vorwissen ist in der Regel ein stärkerer Prädiktor für künftigen Lernerfolg als allgemeine Intelligenz oder Problemlösefähigkeit. Seine Bedeutung nimmt mit zunehmendem Alter und Bildungsweg sogar noch zu. Der Grund liegt darin, wie neues Wissen verarbeitet wird: Es wird an bereits vorhandenes Wissen angedockt, eingeordnet und verknüpft. Wer in einem Bereich schon viel weiß, kann Neues leichter aufnehmen, ganz unabhängig davon, wie hoch der gemessene IQ ist.

In diesem Zusammenhang ist der Begriff des „intelligenten Wissens“ zentral. Damit ist gut organisiertes, flexibel anwendbares und vernetztes Wissen gemeint, im Gegensatz zu „trägem Wissen“, das zwar vorhanden, aber an eine bestimmte Situation gebunden und nicht übertragbar ist. Die pointierte Formel dazu lautet: Hohe Intelligenz nützt wenig, wenn sie sich nicht in konkretes, bereichsspezifisches Wissen übersetzt. Umgekehrt kann gut organisiertes Wissen eine mangelnde Intelligenz teilweise ausgleichen, während fehlendes Wissen durch Intelligenz allein kaum zu kompensieren ist.

Fazit: Voraussetzung, kein Schicksal

Intelligenz hängt mit Lernerfolg zusammen, aber nur moderat. Sie ist nicht deterministisch und erweist sich als veränderbar statt fest. Der eigentliche Hebel für weiteres Lernen liegt seltener in der Frage „Wie klug bin ich?“ als in der Frage „Was weiß ich in diesem Bereich bereits? Wie gut ist dieses Wissen vernetzt?“. Genau das macht Lernen zu etwas, das sich aktiv gestalten lässt: durch Wissen, das kontinuierlich aufgebaut, verknüpft und nutzbar gehalten wird, statt einmalig „gehabt“ oder „nicht gehabt“ zu werden.

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