In der Statistik-Klausur steht: „Prüfe, ob sich die drei Gruppen in ihrer Konzentrationsleistung unterscheiden.“ t-Test? Varianzanalyse? Chi-Quadrat? Das zu entscheiden, ist ein wesentlicher Teil in Prüfungen. Im Tutorium dagegen war das nie eine Frage, denn das Übungsblatt hieß „Übung 7: Varianzanalyse“.
Interleaving, auf Deutsch verschachteltes Lernen, übt diese Entscheidung von Anfang an mit: Die Themen werden beim Lernen gemischt. Das fühlt sich schlechter an, wirkt aber in der Prüfung besser.
Kurz gesagt: Interleaving heißt, Themen beim Üben abzuwechseln, statt sie nacheinander abzuarbeiten. Eine Studie mit Losverfahren zeigt den Effekt in Schulklassen,1 eine große Kursstudie spricht dafür, dass an der Hochschule die schwächer gestarteten Studierenden am meisten davon haben.2 Wer so lernt, hat dabei das Gefühl, weniger zu lernen; die Tests zeigen aber das Gegenteil.3
Was ist Interleaving?
Interleaving bedeutet, Aufgaben oder Karten aus verschiedenen Themen abwechselnd zu bearbeiten, statt ein Thema abzuschließen und dann zum nächsten zu gehen. Das Gegenstück heißt geblocktes Lernen oder auch Blocking: erst alles zu Thema A, dann alles zu Thema B. Unter den Lernmethoden fürs Studium gehört Interleaving zu den unbequemen, weil es sich nie nach Routine anfühlt und zusätzlich anstrengt. Die Lernforschung nennt solche Hürden „erwünschte Schwierigkeiten“.
Manchmal wird es mit Spaced Repetition, dem Wiederholen mit wachsendem Abstand, in einen Topf geworfen. Eine systematische Übersicht zu beiden Effekten kommt zu dem Schluss, dass es zwei Effekte sind, die zwar oft zusammen auftreten, aber verschiedene Dinge tun.4 Interleaving ist die Frage, was in einer Lernsitzung nebeneinander liegt; Spacing ist die Frage, wann etwas wiederkommt.
Warum wirkt Mischen?
Zurück zur Statistik-Klausur. Wer in der Übungswoche mehrere Varianzanalysen hintereinander rechnet, übt das Rechnen. Die Entscheidung, dass es eine Varianzanalyse ist, hat das Aufgabenblatt schon getroffen. In der Klausur fehlt die Überschrift. Wer nie gemischt gelernt hat, muss in der Klausur diese Entscheidung zum ersten Mal selbst treffen.
Gemischt üben wirkt, weil die Prüfung als Erstes verlangt, den Aufgabentyp zu erkennen. Geblocktes Üben trainiert diesen Schritt nie. Wer Aufgaben aus drei Kapiteln durcheinander bearbeitet, muss bei jeder erst fragen: Was ist das hier? Wie in der Klausur.
Warum fühlt es sich schlechter an, wenn es besser wirkt?
Beim geblockten Üben läuft es flüssig, weil eine Entscheidung wegfällt. Und flüssig fühlt sich nach Können an. Das ist ein bekannter Trugschluss: Beim Lernen hat man Hinweise vor sich, die in der Prüfung fehlen, hier die Kapitelüberschrift. Das eigene Können fühlt sich deshalb beim Lernen größer an, als es in der Prüfung ist.5
Wie groß dieser Unterschied ist, hat eine Studie in einem Physik-Kurs gemessen.3 350 Studierende bekamen acht Wochen lang Hausaufgaben, mal gemischt, mal nach Thema sortiert. Nach jedem Blatt sagten sie, wie schwer es war und wie viel sie gelernt hatten. Die gemischten Blätter fanden sie schwerer und glaubten, weniger gelernt zu haben.
Dann kamen zwei unangekündigte Tests. Nach gemischtem Üben schnitten die Studierenden deutlich besser ab: im ersten Test um die Hälfte, im zweiten mehr als doppelt so gut.3 Das Gefühl täuscht in die falsche Richtung. Wer nach einer gemischten Lernsitzung denkt, heute sei wenig hängen geblieben, hat wahrscheinlich mehr gelernt als nach einem einzelnen Kapitel.
Wirkt das auch in echten Kursen?
Die Studie aus dem Physik-Kurs ist eine von mehreren aus laufenden Kursen. Eine der Studien verglich beispielsweise in einem Mathekurs im Bachelor 585 Studierende in zwei Parallelgruppen.2 Die eine bekam jede Woche Aufgaben nur zum aktuellen Thema, die andere gemischte Sätze, in denen ältere Themen mit Abstand wieder auftauchten.
In der Abschlussklausur schnitt die gemischte Gruppe besser ab. Das galt für alle, am stärksten aber für die, die mit unterdurchschnittlichen oder knapp überdurchschnittlichen Leistungen ins Semester gestartet waren.2
Dass der Effekt auch mit Losverfahren hält, zeigt die Schulstudie:1 54 siebte Klassen wurden zufällig auf gemischte oder geblockte Mathe-Hausaufgaben verteilt, vier Monate lang. In einem unangekündigten Test einen Monat später erreichte die gemischte Gruppe 61 Prozent, die geblockte 38. Die Lehrkräfte brauchten dafür keine Schulung.
Wann funktioniert Interleaving nicht? Und was funktioniert stattdessen?
Interleaving ist keine Allzweckmethode; die Forschung stellt Interleaving und Blocking (das Lernen pro Themenblock) direkt gegenüber. Eine Übersicht über 26 Studien findet den Nutzen am größten, wenn die Unterschiede zwischen den Dingen, die man lernt, subtil sind.6 Anders gesagt: Gerade dort, wo zwei Begriffe leicht zu verwechseln sind, lohnt das Mischen am meisten. Das dürfte für viele textlastige Studiengänge relevant sein.
Und es gibt Inhalte, bei denen Blocken gewinnt. In vier Experimenten mit Ausspracheregeln des Französischen war jedes Mal Blocken besser.7 Eine Übersicht aus der deutschsprachigen Forschung zieht daraus den Schluss, dass Interleaving auf den Stoff zugeschnitten werden muss.8
Was in Klausuren an der Hochschule geprüft wird, verlangt fast immer Unterscheiden: Aufgabentypen erkennen, Konzepte auseinanderhalten, den passenden Ansatz wählen, Fehler in einer Argumentation finden. Für die meisten Prüfungsformate ist Mischen deshalb wahrscheinlich die bessere Wahl.
Wie wende ich Interleaving an?
- Ein neues Kapitel zuerst geblockt ansehen.
- Die Kapitel innerhalb einer Lernsitzung abwechseln.
- Zwischen zwei Wiederholungen desselben Kapitels Abstand lassen (so kommt auch gleich das Spacing dazu)
- Mit dem Gefühl rechnen, dass das Lernen schlechter läuft als gewohnt und darauf vertrauen, dass das Gefühl trügt.
Was das für dein Lernen mit Encognition bedeutet
Interleaving funktioniert vor allem dann, wenn dir der Stoff nicht mehr völlig unbekannt ist. Also optimalerweise hast du die Vorlesungen besucht oder die Skripte verstehend gelesen, bevor du sie an Encognition übergibst. Die Details lernst du dann mit Hilfe der App. Dort ist das Mischen eingebaut: Der Feed sortiert die Karten aller eingeschalteten Decks nach Dringlichkeit statt nach Thema und wechselt dabei auch die Aufgabenformate. Kapitelweise ginge es nur, wenn du jedes Kapitel als eigenes Dokument hochlädst und die anderen ausschaltest. Aber warum solltest du das wollen? 😉