Hermann Ebbinghaus hat 1880 nicht gemessen, wie viel du nach einem Tag noch weißt. Er hat gemessen, wie viel schneller du denselben Stoff ein zweites Mal lernst.4 Das sind zwei verschiedene Fragen. Wer seine Wiederholungen nach dieser Kurve plant, plant nach einer Größe, die etwas anderes misst als das, was am Prüfungstag zählt: Nämlich Abruferfolg.
Was besagt die Vergessenskurve?
Die Vergessenskurve zeigt, wie viel Lernzeit ein zweiter Durchgang spart, je nachdem, wann er stattfindet. Liegen zwanzig Minuten zwischen beiden Durchgängen, spart der zweite gut die Hälfte der Zeit, nach einem Tag noch ein Drittel. Gemessen hat Ebbinghaus also die Zeitersparnis beim Wiederlernen. Wie viel Stoff ohne Vorlage abrufbar wäre, sagt die Kurve nicht.
Der Versuch selbst ist schnell erzählt. Ebbinghaus lernte Reihen sinnloser Silben, bis er sie fehlerfrei aufsagen konnte. Nach einer festgelegten Wartezeit lernte er dieselbe Reihe noch einmal bis zur selben Sicherheit und verglich die beiden Lernzeiten. Braucht der zweite Durchgang halb so lange wie der erste, liegt die Ersparnis bei der Hälfte.4 In vielen Schaubildern trägt diese Zahl später ein Prozentzeichen und die Bildunterschrift lautet „behaltener Stoff“ und genau das ist eine ständig falsch wiederholte „Information“.
Jeder Punkt der Kurve steht für einen eigenen Durchgang dieser Art: einmal lernen, nach einer bestimmten Zeit einmal wiederlernen.4 Gezeigt wird der Ertrag einer einzelnen Wiederholung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Mehrere Wiederholungen vergleicht die Kurve nicht, auch wenn die durchgezogene Linie so aussieht.
Der Unterschied lässt sich an zwanzig Vokabeln durchspielen. Du lernst sie am Montagabend zwölf Minuten lang, bis sie sitzen. Am Dienstag gehst du dieselben zwanzig noch einmal durch und bist nach acht Minuten fertig. Das ist eine Ersparnis von einem Drittel.
Ob du am Dienstagmorgen ohne Heft auch nur fünf dieser Vokabeln hättest aufsagen können, steht in dieser Zahl nicht. Die beiden Größen laufen auseinander. Die Kurve beschreibt, wie schnell du wieder hineinkommst. Über das, was du am Prüfungstag ohne Vorlage sagen kannst, gibt sie keine Auskunft.
Wie sieht die Vergessenskurve nach Ebbinghaus aus?
Steil in den ersten Stunden, danach flacher. Diese Form geben Ebbinghaus' eigene Werte her. Die Vergessenskurve nach Ebbinghaus wird bis heute so abgebildet.
| Zeit seit dem Lernen | Ersparnis beim Wiederlernen |
|---|---|
| 20 Minuten | 0,582 |
| 1 Stunde | 0,442 |
| 9 Stunden | 0,358 |
| 1 Tag | 0,337 |
| 2 Tage | 0,278 |
| 6 Tage | 0,254 |
| 31 Tage | 0,211 |
Ebbinghaus' Werte in der Darstellung der Replikation[4](#q4)
Eine Zeile liest sich so: 0,337 nach einem Tag heißt, dass der zweite Durchgang gut ein Drittel weniger Zeit kostete als der erste.
Die Spalte liest sich damit auch als Preisliste für den Zeitpunkt deiner Wiederholung. Je später der zweite Durchgang liegt, desto weniger Zeit spart er; zwischen einem Tag und einem Monat fällt der Wert noch einmal um gut ein Drittel.4 Wer den Stoff einmal lernt und dann vier Wochen nicht mehr ansieht, zahlt beim nächsten Mal fast den vollen Preis. Das ist die praktische Auskunft dieser Tabelle. Also mehr Kalender als Gedächtnis.
Woher die Zahl „66 Prozent nach einem Tag“ kommt
Auf den deutschen Seiten, die zu diesem Begriff oben stehen, steht fast überall dieselbe Angabe: Nach einem Tag seien 66 Prozent des Gelernten weg. In keiner der neun Untersuchungen, die ich für diesen Artikel gelesen habe, taucht diese Aussage auch nur wenigstens so ähnlich auf.
Aber ich kann mir die Angabe errechnen: Ebbinghaus' Tabelle gibt für einen Tag eine Ersparnis von 0,337 an; wer diesen Wert von eins abzieht, landet bei rund 66 Prozent.4 Nur misst der Ausgangswert eben die gesparte Lernzeit. Nicht die Wissensmenge 🥲
Warum deine Vergessens-Kurve vermutlich anders aussieht als das Schaubild
Doch auch korrekt interpretiert ist Ebbinghaus' Kurve nicht immer und unter allen Umständen replizierbar. Eine Übersichtsarbeit widerspricht der üblichen Annahme, die das Bild nahelegt: Eine einheitliche Kurvenform gibt es nicht. Die Vergessensrate wechselt mit dem Zeitabschnitt.5 Das ist aber kein Widerspruch zu Ebbinghaus' Versuch; die Befunde lassen sich damit erklären, dass unterschiedliche Arten von Wissen unterschiedliche Wiederlern-Raten haben.
Für dein Semester ist das der vielleicht interessanteste Teil des Befunds. Bei komplexem, zusammenhängendem Material verläuft das Vergessen oft geradlinig statt erst steil und dann flach.5 Vorlesungsstoff ist genau solches Material. Wer sich hier auf Ebbinghaus verlässt, setzt die zweite Wiederholung möglicherweise zu spät an.
Was tun gegen schnelles Vergessen?
Gegen das Vergessen selbst lässt sich nichts tun. Aber es lässt sich sinnvoll einplanen und dafür braucht es Abstand. Das heißt, lieber dieselbe Lernzeit über mehrere Tage verteilen statt alles an einem Abend. Aufwendig ist daran nichts. Dieselben drei Stunden Statistik liegen dann auf Montag und Donnerstag aufgeteilt statt am Sonntag am Stück. 3 Der sogenannte Spacing-Effekt gehört zu den am besten belegten Befunden der Lernpsychologie.2
Der Vergessenskurve entgegenwirken heißt deshalb vor allem, den Abstand an den Prüfungstermin zu hängen. Nur wann genau? Auf vielen Seiten zu diesem Thema steht dafür ein festes Schema: nach einem Tag, nach drei Tagen, nach einer Woche, nach einem Monat. Ich habe dazu keine Belege gefunden. Die Frage ist zu komplex für ein festes Schema. Die Frage nach dem optimalen Spacing verdient einen eigenen Blogartikel.
Wie kann man sich Gelerntes besser merken?
Um sich Gelerntes besser zu merken, hilft vor allem der aktive Abruf. Dazu eine interessante Studie: 120 Studierende lasen Sachtexte. Danach wurden sie in zwei Gruppen aufgeteilt. Gruppe 1 las den Text danach noch einmal, Gruppe 2 rief das, was sie noch erinnerte, aus dem Kopf ab. Dann wurden beide Gruppen nach 5 Minuten getestet. Hier schnitt die Gruppe, die noch einmal lesen durfte, besser ab. Es gab einen weiteren Testzeitpunkt nach einer Woche. Hier hatte die Gruppe, die nicht noch mal lesen, sondern sich nur noch mal aktiv erinnern sollte, die besseren Ergebnisse.6
Das erklärt gut, warum sich der Stoff am Abend nach dem Wiederlesen vertraut anfühlt. Diese Vertrautheit ist ein Gefühl über den Moment und keine Auskunft über nächste Woche. In der Forschung heißen die beiden Größen Abrufstärke und Speicherstärke: Die eine sagt, wie schnell dir etwas gerade einfällt, die andere, wie fest es verankert ist.1
Wer beides verwechselt, wählt die bequemere Lernmethode und wundert sich über schlechte Leistung am Prüfungstag.1 Das Abrufen fühlt sich mühsam an, weil es mühsam ist. Die Mühe ist der Teil, der wirkt. Im Alltag heißt das: Karteikarte umdrehen, bevor du die Rückseite liest. Skript zuklappen und aufschreiben, was hängen geblieben ist.
Was das für dein Lernen mit Encognition bedeutet
Den optimalen Abstand von Wiederholungen willst du vielleicht nicht selbst ausrechnen. Er hängt pro Informationseinheit am Prüfungstermin und daran, was bei deinem letzten Durchgang bereits saß. Encognition nimmt dir die Arbeit ab und legt die nötigen Aufgaben immer auf den Tag, an dem sie fällig sind. Dein Part ist, dich wirklich zum Lernen aufzuraffen. Die Mühe, die Aufgaben zu lösen, überlässt Encognition gern dir 😄
Häufig gefragt
Wie oft muss man etwas wiederholen, bis es im Langzeitgedächtnis ist?
Dazu gibt die Forschung nichts Belastbares her. Auch Informationen aus dem Langzeitgedächtnis zerfallen wieder. Wenn du etwas dauerhaft wissen möchtest, musst du es dauerhaft nutzen. Use it or lose it. 🫠
Was ist die Ebbinghaussche Kurve?
Die Ebbinghaussche Kurve ist das Ergebnis der Selbstversuche von Hermann Ebbinghaus. Die Zahlen, die bis heute abgebildet werden, stammen aus seinem Urmanuskript von 1880; die bekannte Monographie „Über das Gedächtnis“ erschien fünf Jahre später.4 Sie gibt an, um welchen Anteil der zweite Lerndurchgang schneller ausfiel als der erste, aufgetragen gegen den Abstand zwischen beiden: nach 20 Minuten 0,582, nach 31 Tagen noch 0,211.4 Gelernt wurden sinnlose Silben, geprüft wurde eine einzige Person (Ebbinghaus selbst).
Was besagt das Ebbinghaus-Gesetz?
Als Gesetz wird meist die Aussage bezeichnet, dass Gelerntes zuerst schnell und dann immer langsamer verblasst. Diese Verallgemeinerung ist heute so nicht mehr haltbar: Über 576 Datensätze hinweg lässt sich diese eine Kurvenform nicht finden. Bei zusammenhängendem Stoff fällt das Vergessen oft gleichmäßig aus.5