Das Verhältnis von Intelligenz und Vorwissen zum Wissenserwerb über die Lebensspanne
1. Wissen als fundamentale Voraussetzung des Lernens
Die Forschung von Stern (2006) und Weinert (2012) zeigt übereinstimmend, dass der erfolgreiche Wissenserwerb wesentlich davon abhängt, ob und wie eine Person über bereits vorhandenes Wissen verfügt. Lernen ist demnach kein passives Aufnehmen neuer Informationen, sondern stets die Eingliederung neuer Informationen in eine bereits verfügbare Wissensbasis, wobei Verstehen aus dem Zusammenspiel wohlorganisierter Informationssysteme entsteht, die als Wissen bezeichnet werden (Weinert, 2012, S. 29). 1
1.1 Vorwissen als stärkster Prädiktor für Lernerfolg
Bereits bei Schulbeginn zeigen sich erhebliche Unterschiede im Vorwissen zwischen Kindern. Stern (2006, S. 18) fasst die Ergebnisse der Langzeitstudien LOGIK und SCHOLASTIK zusammen: Kinder, die unabhängig von ihrer Intelligenz zu Beginn eines Schuljahres über Wissen in einem Fachgebiet verfügten, hatten die besten Chancen, etwas dazuzulernen. 2
Insbesondere die Bereiche Mathematik und Naturwissenschaften verdeutlichen diesen Zusammenhang. Weinert (2012, S. 30) berichtet, dass bedeutsame individuelle Differenzen in den mathematischen Kompetenzen bereits im Vorschulalter nachweisbar sind und die weitere Entwicklung in diesem Bereich stärker determinieren als die allgemeinen Intelligenzunterschiede. 3
Ein besonders eindrucksvolles Ergebnis der Münchner Längsschnittstudie: Unterschiede der Mathematikleistung bei Gymnasiasten in der 11. Klasse ließen sich am besten durch Unterschiede der Mathematikleistung in der zweiten Klasse erklären. Stern (2006, S. 18) berichtet, dass nur Kinder, die bereits in der zweiten Klasse ein fortgeschrittenes Verständnis von Zahlen hatten, später in der 11. Klasse noch sehr gute Leistungen erbringen konnten. 4
1.2 Wissensorganisation und Gedächtniskapazität
Stern (2006, S. 18) erläutert die Mechanismen, die Wissen für den Lernprozess bedeutsam machen. Ein zentraler Faktor ist die Wissensorganisation: Über die Gedächtniskapazität und die Fähigkeit, Informationen zu komprimieren, entscheidet wesentlich, ob wir über bereichsspezifisches Wissen verfügen und ob dieses Wissen in einer Weise organisiert ist, die es uns ermöglicht, Informationen zu bündeln. 5
Weinert (2012, S. 29) bestätigt dies und betont, dass Lernprozesse kumulativ sind, aufeinander aufbauen und zu deklarativen wie prozeduralen Kompetenzen führen, die sich nicht als Bündel gespeicherter Informationen, sondern als organisierte Wissenssysteme charakterisieren lassen. 6
2. Intelligenz und Wissen im Vergleich
2.1 Dominanz des Wissens gegenüber der Intelligenz
Stern (2006, S. 18) argumentiert, dass die Ergebnisse der Kognitionsforschung die zentrale Bedeutung des Wissens für das Können belegen. Zwei Forschungsrichtungen betonen dies besonders: die Expertiseforschung und die Vorhersage von Leistungsunterschieden. 7
Bei der Vorhersage von Leistungsunterschieden zeigt sich ein eindeutiges Muster: Sobald bereichsspezifisches Wissen in die Analyse aufgenommen wird, verlieren Persönlichkeitsunterschiede, einschließlich der Intelligenz, an Vorhersagekraft (Stern, 2006, S. 18). 4
2.2 Experten und Novizen
Die Expertiseforschung liefert weitere Belege: Menschen, die Höchstleistungen in anspruchsvollen und komplexen Gebieten erbringen, unterscheiden sich von Novizen nicht durch ihre Intelligenz, sondern durch ihr Wissen (Stern, 2006, S. 17). Systematische biographische Forschungen zeigen, dass Experten lange Jahre hindurch sehr intensiv auf ihrem Gebiet geübt haben. Natürlich sind Experten in vielen Bereichen auch überdurchschnittlich intelligent. Ein unterdurchschnittlich intelligenter Physik- oder Mathematikprofessor ist schwer denkbar. Aber während fehlendes Wissen nicht kompensierbar ist, können mögliche Defizite bei Intelligenz und speziellen Begabungen durch besonders intensives Üben auf weiten Strecken ausgeglichen werden. 8
2.3 Kompensation von Intelligenz durch Wissen
Stern (2006, S. 18) fasst den Vergleich von Vorwissen und Intelligenz zusammen: Intelligentere Kinder verfügen im Allgemeinen über mehr Wissen. Wer es jedoch nicht geschafft hat, seine Intelligenz in Wissen umzusetzen, der hat in dem entsprechenden Fachgebiet weniger Chancen als jemand, der bei schlechteren Ausgangsbedingungen mit vielleicht etwas größerer Anstrengung Wissen erworben hat. 9
Weinert (2012, S. 26) ergänzt aus entwicklungspsychologischer Perspektive: Wer weniger kann und weniger weiß als andere, muss eben mehr Zeit für zusätzliche, nachholende und ergänzende Lernschritte investieren, um jene Aufgaben meistern zu können, die bessere Schüler bereits früher beherrschen. 10
3. Zunehmende Bedeutung von Wissen über den Lebenslauf
3.1 Vom allgemeinen Wissen zur tätigkeitsspezifischen Expertise
Weinert (2012, S. 32) beschreibt den Wechsel von der Allgemeinbildung zum Erwerb tätigkeitsspezifischer Expertise als eine zentrale Entwicklungsaufgabe: Vergleicht man die Entwicklung intellektueller Fähigkeiten und basaler kognitiver Kompetenzen während der Schulzeit mit der Mannigfaltigkeit beruflicher Spezialisierungsnotwendigkeiten, so wird dieser Übergang offenkundig. Durch viele wissenschaftliche Studien wird die alltägliche Erfahrung bestätigt, dass innerhalb der Grenzen breit definierter Begabungs- und Spezialbegabungsniveaus sehr unterschiedliche Wissensinhalte, Handlungsroutinen, methodische Kompetenzen und andere Verhaltensdispositionen erworben werden können. 11
3.2 Stabilität von Intelligenzunterschieden versus Dynamik des Wissenserwerbs
Weinert (2012, S. 30) zeigt auf, dass die individuelle Rangordnung in Intelligenzleistungen über 30 Jahre hinweg fast keine Positionsverschiebungen aufweist, obwohl in dieser Altersperiode vielfältige Prozesse des Lernens, des Wissenserwerbs und der Gewinnung neuer Erfahrungen stattfinden. Die Intelligenz bleibt damit ein stabiler, aber begrenzter Prädiktor. 12
Die Intelligenzstabilität zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr ist mit Korrelationen von.88 bis.93 extrem hoch (Weinert, 2012, S. 30). 13
Gleichzeitig zeigt sich, dass die Zunahme an Wissen und die Weiterentwicklung von Kompetenzen das intellektuelle Profil eines Individuums im Laufe des Lebens zunehmend prägen, während der Intelligenzquotient als alleiniger Vorhersager an Bedeutung verliert. 14
3.3 Bedeutung von Wissen für den beruflichen Erfolg
Weinert (2012, S. 33) demonstriert anhand eines Pfadmodells, dass das erreichte Bildungsniveau für die berufliche Karriere eine zentrale Rolle spielt. Unterhalb breit definierter Begabungsniveaus erwerben Menschen sehr unterschiedliche Wissensinhalte und Kompetenzen, die ihren beruflichen Erfolg bestimmen. 15
Die Forschungsergebnisse nahelegen, dass Intelligenz den Erwerb von Expertise ermöglicht, sobald diese jedoch erworben ist, das damit verbundene Wissen bedeutsamer wird für die weitere Leistungsentwicklung.
4. Intelligentes Wissen als Schlüssel zum Können
4.1 Definition und Merkmale
Weinert (2012, S. 30) definiert intelligentes Wissen als ein Gefüge von Fähigkeiten, Kenntnissen und Fertigkeiten, dessen Qualität sich durch Organisiertheit, Abstraktheit, Anpassungsfähigkeit und Zugriffsmöglichkeit auszeichnet. Man kann deshalb von der Entwicklung mehr oder minder intelligenten Wissens sprechen. 16
Stern (2006, S. 20) konkretisiert: Erst ein abstraktes, auf theorie- und funktionsgeleiteten Merkmalen beruhendes Konzeptverständnis, eben intelligentes Wissen, bietet den Nährboden für kreative und innovative Denkprozesse in naturwissenschaftlichen und technischen Bereichen. 17
4.2 Hohe Intelligenz nur als Vorteil bei Wissenseinsatz
Stern (2006, S. 17) argumentiert, dass hohe Intelligenz nur dann von Vorteil ist, wenn sie in bereichsspezifisches Wissen umgesetzt wird. Intelligente Schüler können es sich nicht leisten, für die Schule nicht zu lernen; neuere Ergebnisse der Kognitionsforschung zeigen die zentrale Bedeutung des Wissens für das Können. 7
4.3 Fehlendes Wissen kann nicht durch Intelligenz kompensiert werden
Stern (2006, S. 17) stellt explizit fest: Während fehlendes Wissen nicht kompensierbar ist, können mögliche Defizite bei Intelligenz und speziellen Begabungen durch besonders intensives Üben auf weiten Strecken ausgeglichen werden. 8
Weinert (2012, S. 33) ergänzt, dass unterdurchschnittlich intelligente Menschen eher schlechte berufliche Aussichten haben, es sei denn, ihre Eltern verfügten über einen hohen Bildungsgrad und über die damit im Durchschnitt verbundenen Privilegen. In diesem Fall sind die weniger intelligenten Kinder im späteren Erwachsenenalter fast ebenso erfolgreich wie die intelligenten Probanden, was die kompensierende Funktion von Wissen und Bildung unterstreicht. 15
5. Fazit
Die Befunde von Stern (2006) und Weinert (2012) legen nahe, dass erworbenes Wissen die bedeutsamste Voraussetzung des Erwerbs neuen Wissens darstellt. Intelligenz fungiert als wichtiger, aber nicht alleiniger Faktor: Sie erleichtert den initialen Zugang zu neuem Wissen, verliert jedoch mit zunehmender Expertise an Vorhersagekraft. intelligentes Wissen, verstanden als wohlorganisiertes, vernetztes System von flexibel nutzbaren Kompetenzen, wird im Laufe des Lebens zunehmend zum entscheidenden Faktor für Leistung und Erfolg.